Todkrank im Tropenparadies Teil 2: Der Höllenhafen von Lombok
Im ersten Teil hast du gesehen, wie eine harmlos aussehende Bruschetta mich außer Gefecht gesetzt hat.
Im zweiten Teil geht es weiter: neue Pläne müssen her, um doch noch nach Hause zu kommen. Wir kämpfen uns durch Menschenmassen und erleben, dass selbst eine einfache Fähre zu einer echten Herausforderung werden kann. Unzählige Hindernisse stehen zwischen uns und dem Ziel und ich lerne, wie sehr man auf so einer Reise aufeinander angewiesen ist.
Wenn du Teil 1 verpasst hast, dann klick HIER. Ansonsten: Viel Spaß mit Teil 2
Plan B
Ich weiß nicht, was ich getan habe, dass das Universum beschlossen hat, mich persönlich zu testen. Es war doch nur eine verdammte Bruschetta. Kann ja keiner ahnen, dass sowas gleich höhere Mächte provoziert und das Universum eskalieren lässt.
Während ich genüsslich in Selbstmitleid bade, hat unsere Gastgeberin einen Plan B.
“There is a slow ferry from Lombok to Bali”, sagt sie. Mein Freund, der inzwischen ebenfalls erste – zum Glück mildere – Symptome einer Lebensmittelvergiftung entwickelt hat, fragt vorsichtig nach, was slow denn konkret bedeutet. „How slow is slow?“
„Very slow. Four or five hours“, sagt sie. „Sometimes six.“
Ich reiße die Augen auf. Vier bis sechs Stunden? Von Lombok nach Bali? Fährt die Fähre rückwärts oder was? Machen wir unterwegs noch ´nen Tauchkurs? Muss ich selbst rudern? Ich sitze wie ein trotziges Kind auf dem Bett, die Arme verschränkt, den Tränen gefährlich nah. Nein. Das mache ich nicht. Ich verweigere mich. Ich bin acht Jahre alt und dieses Leben ist unfair.
Mein Freund hingegen sagt einfach: „Okay, dann nehmen wir die.“ Und bittet unsere Gastgeberin, uns die Tickets zu besorgen – weil dazu wirklich niemand mehr in der Lage ist. Sie sagt zu. Sie organisiert nicht nur die Tickets. Sie organisiert auch noch den Transfer zum Hafen.
Zehn Minuten später sitze ich auf dem Gepäckträger eines E-Bikes, festgeklammert an einen jungen Indonesier, der mich Richtung Hafen chauffiert. Die Fahrt dauert fünf Minuten. Es sind die längsten fünf Minuten meines Lebens.
In dieser Zeit nehme ich mehrfach Kontakt zu Gott auf, an den ich eigentlich nicht glaube. Ich verspreche Dinge. Viele Dinge. Im Gegenzug bitte ich lediglich darum, dass keine Körperflüssigkeiten unkontrolliert mein System verlassen. Mindestens dreimal fährt außerdem der Heilige Geist durch meinen Verdauungstrakt.
Meine neu entdeckte Religiosität – mit einer erstaunlich geringen Halbwertszeit von etwa fünf Minuten – scheint zu wirken. Ich komme ohne Zwischenfall am Hafen an.
Mein Freund wartet dort bereits mit unseren Tickets. Er ist vorgefahren. Wir steigen in ein kleines Holzboot, das mir weniger stabil erscheint als mein derzeitiger emotionaler Zustand. Acht weitere Reisende quetschen sich dazu. Dann legen wir ab. Jede Welle ist eine neue Prüfung.
Nach zwanzig Minuten erreichen wir Lombok. Ich lebe noch. Ich bin stolz auf mich.
Dann die nächste Hiobsbotschaft: Wir müssen zu einem anderen Hafen. Ein Bus wird uns dorthin bringen. Fahrzeit: eineinhalb Stunden.
In diesem Moment bin ich mir sicher, dass ich bereits tot bin. Und dass das hier die Hölle ist.
Der Koffermann
Wir setzen uns in eine Wartehalle. 45 Minuten später kommt ein Bus. Der Bus ist voll. Die Slow Ferry scheint kein Geheimtipp zu sein.
Wir quetschen uns trotzdem rein und ergattern zwei Sitzplätze. Wir sitzen nebeneinander und kränkeln still vor uns hin wie zwei Senioren auf Kaffeefahrt. Meinem Freund ist inzwischen jegliche körperliche Kraft abhandengekommen. Aber mir geht es trotzdem noch schlechter als ihm, das ist ja klar.
Nach anderthalb Stunden erreichen wir den Hafen. Überraschenderweise ist die Stimmung im Bus gelöst. Der Busfahrer greift zum Mikrofon. „Departure at 5 pm.“ Ich schaue auf die Uhr. 16:00 Uhr. Jackpot. Wir haben es geschafft. Wir sind pünktlich.
Wir steigen aus und holen unsere Rucksäcke aus dem Kofferraum. Oder besser: Mein Freund holt den Rucksack. Ich stehe daneben und versuche, nicht ohnmächtig zu werden. Rucksäcke haben in meinem Leben aktuell keinen Platz.
Mein Freund hievt die beiden Trekkingrucksäcke aus dem Bus. Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. Er sieht aus wie ein Mann, der gleich unter der Last zusammenbricht oder im Begriff ist, eine sehr schlechte Entscheidung zu treffen.
„Wir brauchen jemanden, der uns die Rucksäcke trägt“, sagt er. „Einen Koffermann.“
Zum Glück sind wir in Indonesien. Hier ist das kein dekadenter Luxus, sondern Alltag. Für ein paar Rupiah trägt dir jemand dein Gepäck. Normalerweise lehnen wir das kategorisch ab. Aber heute weht ein anderer Wind!
Und kaum ist das Wort „Koffermann“ ausgesprochen, materialisiert er sich neben uns.
„Carry?“ fragt er. Ich grinse ihn verliebt an. Ein Engel. In braunem Hemd. Mit abgewetzter Baseballcap. „Yes. How much?“ fragt mein Freund. „400.“ Mein Grinsen hört augenblicklich auf. Ich verschlucke mich. „Ist der bescheuert?“, murmele ich. „Okay“, sagt mein Freund. Ich starre ihn an. „Du gibst dem jetzt ernsthaft 20 Euro dafür, dass er unsere Rucksäcke zwanzig Meter weit trägt?“ „Willst du sie selber tragen?“ „Na nee. Aber man hätte ja wenigstens verhandeln können.“
Ich ärgere mich. Ich bin schließlich die Königin des Feilschens. Dann rücke ich meine Sonnenbrille zurecht – die ich für 20 Euro in Ägypten gekauft habe.
Der Koffermann schultert unsere Rucksäcke und marschiert los. Wir trotten hinterher. Nach wenigen Metern sehen wir das Fährterminal. Und wir sehen: eine Menschenmasse.
Vor dem Eingang stehen Hunderte. Wenn nicht sogar Tausende. Im Terminal wimmelt es ebenfalls. Es sieht aus, als würde ganz Indonesien heute spontan nach Bali wollen.
Ich bleibe stehen. „Das sind viele Menschen“, stelle ich fest.
Aber wir bleiben optimistisch. Das Schiff ist groß. Wir haben Tickets. Es ist erst 16 Uhr. Was soll schon schiefgehen? (= Frage, die man niemals stellen sollte.)
Zu früh gefreut
Die Zeit vergeht.
Brav und geduldig stehen wir vor dem Hafenterminal und warten darauf, dass es endlich losgeht. Wo unsere Rucksäcke sind, wissen wir nicht so genau. Wir vertrauen weiterhin auf den Koffermann, den wir seit 45 Minuten nicht mehr gesehen haben.
17 Uhr rückt näher. Der Bereich rund um die Eingangshalle wird immer voller. Menschen stehen mittlerweile dicht an dicht.
Dann 17 Uhr. Nichts passiert. Kein Einlass. Keine Durchsage. Keine Fähre.
Stattdessen stehen nun locker 1000 Leute vor dem Hafen. Wie viele sich im Terminal oder dahinter befinden, wissen wir nicht, aber es dürften mindestens genauso viele sein. Langsam kommen Zweifel auf, ob das hier alles so läuft, wie es laufen soll.
Hin und wieder durchfährt mich ein Krampf. Ich kann kaum noch stehen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob alle Organe noch an Ort und Stelle sind. Die Möglichkeit, keinen Magen mehr zu besitzen, besteht. Beruhigt mich aber nicht.
18 Uhr. Noch immer keine Fähre.
Plötzlich Bewegung vor uns. Für einen kurzen Moment denke ich, es geht endlich los. Doch nein – es sind nur Menschen, die versuchen, sich vorzudrängeln. Ich werde sauer. Diese egoistischen Schweine, denke ich. Und bin fest entschlossen, meinen Platz zu verteidigen. Just in diesem Moment versucht sich ein Mann neben mir vorbeizuschieben.
Ich explodiere innerlich.
Der hat vielleicht Nerven. Ich stehe hier mit einem Bein im Grab und der denkt an seine persönliche Zeitoptimierung?
Ich mache einen Schritt nach links und schneide ihm den Weg ab.
„Schön hinten anstellen, Freundchen“, zische ich. Ich bin mir sicher, dass mein Tonfall sprachübergreifend verständlich ist. Er schaut mich entgeistert an. „Sorry!“ Und versucht es trotzdem noch einmal. „Nee, nichts sorry. Hau ab“, sage ich und funkele ihn an. Er gibt auf und reiht sich wieder ein. So wie anständige Menschen das eben tun.
Irgendwann ist es 19 Uhr. Die Nerven liegen blank. Meinen Rucksack habe ich seit fast drei Stunden nicht mehr gesehen. Ich bin mittlerweile überzeugt, dass der Koffermann damit abgehauen ist. 20 Euro bezahlt – und dann auch noch das Gepäck weg. Stark. Ich nehme mir fest vor, meinem Freund Vorwürfe zu machen. Später. Wenn es mir wieder besser geht.
Plötzlich merke ich, wie sich von hinten jemand durch die Massen schiebt. Ein Drängler, denke ich sofort und bin schon wieder bereit, meinen Platz zu verteidigen. Dann sehe ich sein Gesicht.
Es ist der Koffermann.
„Come, come“, sagt er aufgeregt.
Und ich weiß noch nicht, ob das jetzt die Rettung ist – oder der Anfang vom nächsten Problem.
Come, come! Wait, wait!
Meinen Freund hat er sofort. Er folgt ihm. Und weil er folgt, folge ich auch. Wir schieben uns zu dritt durch die Menschenmassen. Plötzlich stehen wir rechts neben dem Terminal. Warum ich da jetzt hingehen sollte, erschließt sich mir null. Da ist nämlich ein Zaun. Was soll ich hier? Und wo ist eigentlich mein Rucksack?
Mein Freund und ich bleiben stehen. Wir schauen ratlos auf den Zaun und dann auf den Koffermann. Der schaut uns ebenfalls ratlos an. Aber nicht wegen des Zauns, sondern weil wir ihn ratlos anschauen. „Come, come“, sagt er wieder. Wohin denn bitte? Dann klettert er über den Zaun und signalisiert uns, dass er exakt dasselbe von uns erwartet. Ich verstehe nicht. Das ist doch nicht legal. Ich sehe mich schon im indonesischen Knast. Überall stehen Sicherheitsbeamte. Ich bin doch nicht bescheuert. Aber der Koffermann macht Druck und ich bin überfordert. Also klettere ich auch über den Zaun. Die Security ignoriert meine sporliche Vorstellung. Und dann dämmert es mir langsam, dass das hier kein gewöhnlicher Koffermann ist. Und warum das so teuer war. Der hat hier Leute bestochen. Mit unserem Geld. Wir sind jetzt praktisch Kriminelle.
Dann stehe ich hinter der Absperrung, nah an den Fähren, hinter dem Terminal. Das Klettern hat mir meine letzten Kräfte geraubt, aber der Koffermann kennt kein Erbarmen. Eilig scheucht er uns weiter. Nach ein paar schnellen Schritten bleiben wir stehen. Auch die Rückseite des Terminals ist voller Menschen. Hätte er uns nicht über den Zaun gejagt, hätten wir heute im Leben keine Fähre mehr bekommen. Ich fühle mich gleichzeitig kriminell und auserwählt. „Wait“, sagt der Koffermann. Okay, denke ich. Ich waite. Ich come. Alles, was du willst. Du bist unser Mann.
Mittlerweile ist es 19:30 Uhr und immer noch keine Fähre in Sicht. Dafür drängeln die Leute hier hinten noch mehr als davor. Mir ist schlecht, ich habe keine Kraft mehr, alles ist mir zu viel. Ich fange an zu heulen. Dann steht der Koffermann wieder vor uns. „Come, come.“ Wir laufen hinterher. Dann bleibt er abrupt stehen. „Wait.“ Und verschwindet wieder in der Menge. Ich kann nicht mehr. Wait. Come. Keine Fähre. Kein Rucksack. Nur Menschen. Die Platzangst kriecht hoch, mein Kopf rauscht, ich fange wieder an zu heulen.
Plötzlich fährt eine Fähre ein. Die Menschen werden unruhig. Es ist kurz vor acht und ich denke nicht, dass es unsere Fähre ist. Aber ich irre mich. Die Ticketkontrolle öffnet. Menschen werden aufs Schiff gelassen. Alles gut, könnte man denken. Aber am Hafen stehen locker zehnmal so viele Menschen, wie auf diese Fähre passen. Es passiert also, was passieren muss. Schubsen. Drängen. Ziehen. Hunderte Menschen versuchen gleichzeitig durch das vielleicht einen Meter breite Tor der geöffneten Ticketkontrolle zu schieben. Immer wieder halte ich panisch Ausschau nach dem Koffermann und sehe ihn mit unseren Rucksäcken hinter der Absperrung der Ticketkontrolle. Es fühlt sich an wie eine Massenpanik. Menschen drängen sich vorbei, manche versuchen über Zäune zu klettern und werden von der Security mit Stöcken zurückgedrängt. Ausnahmezustand. Ich weine offen, weil ich überzeugt bin, gleich totgetrampelt zu werden. Niemand interessiert sich für meine Panikattacke. Alle wollen nur dieses Boot. Ich bin mir sicher, so muss es auf der Titanic gewesen sein.
Gerade als die nächste Welle meiner Panik hochkommt, schubst mich eine Frau, um an mir vorbeizukommen. Ich sehe rot, schreie sie an und stoße sie weg. Es beeindruckt sie nicht. Sie setzt erneut an, hat die Rechnung aber ohne meinen Freund gemacht, der sie resolut aus dem Verkehr zieht (und vielleicht ist sie irgendwie in einen Busch gefallen, aber wir wissen auch nicht, wie das passieren konnte…). Kurz vor der Ticketkontrolle stoppt die Menschenmasse plötzlich. Einlass-Stopp. So kurz vor dem Ziel. Kein Boot. Keine Heimreise. Ich fange wieder an zu flennen, laut und panisch. Die Security schaut mich an, dann sich gegenseitig, dann den Koffermann. Der sagt etwas, kurz und bestimmt. Die Security nickt – und winkt uns als Letzte doch noch durch.
Ich wähne mich am Ziel. Die Kontrolle habe ich hinter mir. Das Boot ist sicher. Meine Ankunft in Bali ist sicher. Meine Rückreise nach Deutschland. Aber so einfach will es mir das Schicksal nicht machen. Wenn du wissen willst, ob ich tatsächlich aufs Boot komme, warum ich einen Offizier besteche und welches Tier mir schlaflose Nächte bereitet, dann sei gespannt auf Teil 3.
Hinweis: Werbung, unbeauftragt! Bei diesem Text handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der unbeabsichtigt durchaus eine werbende Wirkung beim Leser haben könnte, ohne dass ich von irgendeinem Unternehmen dafür beauftragt wurde!



